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Gut 140 Zuhörer bei Vortrag über Christianisierung

Mehr als voll besetzt war die kleine Aula der Universität Vechta, Foto: Henneberg

Von Andreas Kathe


Dr. Werner Rösener hat der Erforschung der frühen Geschichte des Oldenburger Münsterlandes neue Impulse gegeben. Der aus Bokern bei Lohne stammende Mittelalter-Historiker fand dafür am Mittwochabend (10. August) in der kleinen Aula der Universität Vechta ein aufmerksames Publikum. Annähernd 140 Zuhörerinnen und Zuhörer tauchten mit dem emeritierten Gießener Geschichtsprofessor ein in die Zeit der Christianisierung unserer Region zwischen dem 8. und 12. Jahrhundert.


Zum Rösener-Vortrag eingeladen hatte der Geschichtsausschuss des Heimatbundes für das Oldenburger Münsterland. Leiter Dr. Michael Hirschfeld verwies eingangs auf eine völlig neue Forschungssituation, nachdem der Urkundenforscher Professor Dr. Theo Kölzer die Visbeker Gründungsurkunde aus dem Jahr 819 als Fälschung enttarnt hatte. Wie also, so die Ausgangsfrage, ist die Christianisierung und damit die Entwicklung unserer Region ab dem 9. Jahrhundert wirklich verlaufen?


Rösener entwarf dazu ein Panorama, in dem das 816/822 gegründete frühere Reichskloster Corvey an der Weser eine ausschlaggebende Rolle spielt. Nach den Sachsenkriegen Karls des Großen ausgangs des 8. Jahrhunderts stellte sich für das fränkische Reich die Aufgabe, das eroberte Sachsen zu integrieren. Die Bekehrung der heidnischen Bevölkerung zum Christentum war dabei ein zentrales Element der Herrschaftsfestigung.


So unterstellten die fränkischen Könige ihrer Klosterneugründung Corvey auch ihre in den Sachenkriegen eroberten Güter und Kirchen im Umfeld der Missionszellen Meppen im Emsland (Urkunde von 834) und Visbek im heutigen Oldenburger Münsterland (Urkunde von 855). Corvey, so Rösener, hatte damit in unserem Raum eine ähnlich prägnante Position wie die großen Missionszentren Fulda und Reichenau im Süden. Bis zum 11. Jahrhunderts konnte das Reichskloster seine Position zwischen Hunte und Ems weiter ausbauen und behaupten.


Visbek als ursprüngliches Reichsgut, so Rösener, sei sicherlich eine Missionszelle gewesen; möglicherweise mit einer Priestergemeinschaft vor Ort und einer frühen Holzkirche. Von hier aus wurden die umliegenden Gegenden erschlossen. Darauf verweisen Kirchengründungen unter anderem in Barnstorf, Bakum, Krapendorf, Löningen oder Altenoythe. Diese frühe Missionszelle habe allerdings durch die Konkurrenz des Wallfahrtsortes Wildeshausen ab der Mitte des 9. Jahrhunderts an Bedeutung verloren.


Ohnehin dürfe man sich die Christianisierung der Sachsen nicht als einmaligen und stringenten Vorgang vorstellen. Es habe Jahrhunderte gedauert, bis dieser neue Glaube Eingang in alle Volkskreise gefunden habe. So seien den ersten Eigenkirchen des Königs und dann des Kloster Corvey erst im 12. und 13. Jahrhundert neue Kirchengründungen gefolgt, die diesmal auf die Initiative der einheimischen bäuerlichen Bevölkerung zurückzuführen seien.


Zu dieser Zeit allerding sei die Bedeutung Corveys für unsere Region schon stark gesunken. In Folge des Sachsenaufstandes ab 1073 und des fast zeitgleichen sogenannten Investiturstreites zwischen König- und Papsttum verlor das Kloster den maßgeblichen königlichen Rückhalt. Das nutzte der Osnabrücker Bischof, um seine schon für das südliche Gebiet um Lohne und Damme geltende Rechtsstellung weiter nach Norden auszudehnen. Neben Osnabrück kamen dann auch das Bistum Münster und mehrere Grafengeschlechter als Corvey-Kontrahenten ins Spiel.


Werner Röseners Einordnung unserer im frühen und hohen Mittelalter bedeutsamen sächsischen Kernlandschaft ist ein wertvoller Anstoß zu einer intensiveren Neubetrachtung der Heimatgeschichte in dieser Zeit. Das zeigten auch die vielfältigen Ergänzungen und Nachfragen aus den Reihen der dem Vortrag gespannt und interessiert folgenden Zuhörerschaft.