Gypsophila muralis L. (Acker-Gipskraut) im Oldenburger Münsterland

Neufund in Strücklingen (Saterland)

 

von Franz Hericks, Saterland

 

 

Einleitung

Die 126 Arten der Gattung Gypsophila sind hauptsächlich im östlichen Mittelmeerraum bis in das nördliche, gemäßigte Eurasien verbreitet. Allen Gartenfreunden bekannt ist sicher das in vielen Sorten erhältliche "Rispige Gipskraut" (Gypsophila paniculata). Gebräuchlich für diese Art ist auch die Bezeichnung "Schleierkraut". Die Gipskräuter gehören zur Familie der Nelkengewächse (Caryophyllaceae).

 

Zur heimischen Wildpflanzenflora der Weser-Ems-Region und natürlich auch des Oldenburger Münsterlandes gehört das sehr seltene Acker-Gipskraut (Gysophila muralis L.). Als Verbreitungsgebiet wird das nördliche und gemäßigte Eurasien sowie das östliche Nordamerika (hier eingebürgert) angegeben (CASPER/KRAUSCH 1981). Der Schwerpunkt der Verbreitung in der alten BRD liegt zwischen dem Gebiet nördlich der Donau und der Linie Köln-Kassel (HAEUPLER/SCHÖNFELDER 1988). Niedersachsen verfügt über geringe Vorkommen in seinen nordöstlichen und südlichen Regionen und einzelne inzwischen erloschene Fundorte in anderen Landesteilen (GARVE 1994). Seit 1993 liegen auch aus dem Weser-Ems-Gebiet wieder aktuelle Fundangaben vor.  

 

Beschreibung der Art

Gypsophila muralis L. (Syn.: G. purpurea Gilibert; Saponaria muralis (L.) Lamarck) gehört zu den einjährigen Kräutern. Die Pfahlwurzel ist dünn und spindelig. Der 5 bis 25 cm hohe Stengel der Pflanze ist im Regelfall vom Grunde an verzweigt. Die Blätter sind schmal-lanzettlich bis linealisch, 5 bis 25 mm lang und 0,5 bis 3 mm breit, vorne spitz zulaufend und von blaugrüner Farbe. Der Bütenstand erscheint locker und rispig. Die Blütenstiele  sind oft länger als der Kelch. Der Kelch ist 2 bis 4 mm lang und kahl. Die Kelchzähne sind 1/3 so lang wie der verwachsene Kelchteil. Die Farbe der Kronblätter ist hellrot und mit dunkleren Adern ausgerandet. Die Kronblätter sind 4 bis 8 mm lang. Die Kapsel wird 2,5 bis 4 mm lang. Die im Durchmesser bis 0,6 mm großen Samen sind mit winzigen Warzen versehen. Das Acker-Gipskraut blüht von Juni (Juli) bis Oktober (CASPER/KRAUSCH 1981 u.a.).

 

Vorkommen

Auf feuchten Äckern oder in feuchten Ackersenken, auf wechselfeuchten Brachflächen, an Ufern, an Gräben, auf nassen Wegen, auf Teichböden, Sand- und Kiesgruben, aber auch auf Friedhöfen und Bahnhöfen; auf wechselfeuchten, auch zeitweise vernässten, kalkarmen bis kalkfreien, mehr oder weniger nährstoffreichen, mäßig sauren, humosen oder rohen verdichteten Sand-, Lehm-, oder Tonböden. Vernässungszeiger und etwas wärmeliebend in Zwergbinsen-Gesellschaften (OBERDORFER 1983 u.a.).

 

Historische Fundangaben

In der "Flora von Bremen, Oldenburg, Ostfriesland und der ostfriesischen Inseln" von SCHÜTT/BUCHENAU (1936) wird Gypsophila muralis als unbeständig am Weserufer und schon häufiger in der Nienburger Gegend angegeben. Auch die Autoren MEYER und v. DIEKEN (1947) geben in ihrem "Pflanzenbestimmungsbuch für die Landschaften Osnabrück, Oldenburg-Ostfriesland und ihre Inseln" nur das südöstliche Hügelland an. In den "Beiträgen zur Flora Nordwestdeutschlands" von JAN v. DIEKEN (1970) werden als damalige Standorte Horsten (MTB 2513) und für 1968 ein Acker bei Langholt (MTB 2811) genannt. Im Bundesatlas von HAEUPLER/SCHÖNFELDER (1988) werden für den Bereich Weser-Ems (Ostfriesland und das ehemalige Land Oldenburg) in den Meßtischblättern (MTB) 2513, 2712 und 2817 einheimische Nachweise der Zeit vor 1945 und in den Meßtischblättern 2616 und 2811 Nachweise der Zeit nach 1945 symbolisiert. Diese Angaben wurden so auch in den "Atlas der gefährdeten Farn- und Blütenpflanzen in Niedersachsen und Bremen" von E. GARVE (1994) übernommen. In der Zeit von 1982 bis 1992 wurde im Gebiet Weser-Ems kein Acker-Gipskraut gefunden.

 

Weitere Nachweise von Gypsophila muralis in Niedersachsen und Bremen, teilweise vor 1900, werden ausführlich von TÄUBNER & GARVE (1999) (siehe Literatur- und Quellenverzeichnis) erläutert und aufgelistet.  

 

Fundangaben nach 1992 im Weser-Ems-Gebiet

1993 konnte in Markhausen (MTB 3013/1/11 - HERICKS) in einem Garten 1 Exemplar nachgewiesen werden. Es wurde ein eher schlechtes Foto am Wuchsort zur Beweissicherung erstellt. In den Folgejahren wurde die Art hier nicht wieder gesehen. 1999 gab es während eines Geländetreffens der ehrenamtlichen Mitarbeiter des Niedersächsischen Landesamtes für Ökologie einen weiteren Fund des Acker-Gipskrautes bei Ihrhove (MTB 2810/2 - FEDER/SCHÄFER) FEDER 2003. 2004 konnte vom Verfasser dieser Zeilen auf dem Friedhof in Strücklingen (MTB 2811/4/10) nach über 35 Jahren im MTB 2811 Gypsophila muralis bestätigt werden. Es wurden auf verschiedenen Gräbern insgesamt  18 Exemplare gefunden. Zur Beweissicherung wurden Fotos gemacht. Auf einem Grab könnten 12 Exemplare gezählt werden. Durch einen Weg getrennt befanden sich auf dem Nachbargrab 3 Exemplare. Einzelpflanzen gab es auf anderen Gräbern.

 

Gefährdung

In der Roten Liste Niedersachsen/Bremen (5.Fassung, Stand 1.3.2004) GARVE wird die Gefährdungskategorie für das Tiefland mit 1 (vom Aussterben bedroht) und für das Hügel- und Bergland mit 2 (stark gefährdet) angegeben. Die konkurrenzschwache Art ist auf extensive Nutzung oder periodische Bodenverwundungen angewiesen (GARVE 1994). Im Raum Weser-Ems ist die Art natürlicherweise selten, weil das Gebiet wohl  etwas außerhalb der Arealgrenze liegt.

 

Gipskraut-Gesellschaften

In Markhausen und in Strücklingen wurden keine typischen Gesellschaften der Art am Fundort festgestellt. Aus Ihrhove liegt eine entsprechenden Arbeit (FEDER 2003) vor, die in den Beiträgen zur Vogel- und Insektenwelt Ostfrieslands veröffentlicht wurde. Diese Vegetationsaufnahme von Gypsophila muralis (Stellaria media-Gesellschaft lt. FEDER) eines lehmig-sandigen, feuchten Standorts an einem Maisfeld- Feldwegrand könnte auch in großen Teilen des Oldenburger Münsterlandes möglich sein.  OBERDORFER (1983) und ELLENBERG (1974) stellen die Art in die Ordnung "Cyperetalia fusci" als Charakterart. Als Verband wird "Juncion bufonii" genannt. Entsprechende Gesellschaften sind im Oldenburger Münsterland ausreichend, aber ohne Acker-Gipskraut vorhanden.

 

Wichtiger Hinweis

Zur Vergesellschaftung und Verbreitung von Gypsophila muralis in Niedersachsen wurde 1999 in den Abhandlungen des Naturwissenschaftlichen Vereins zu Bremen im Band 44/2-3 ein sehr umfassender und ausführlicher Beitrag von THOMAS TÄUBNER & ECKHARD GARVE veröffentlicht (siehe auch Anmerkung bei Historische Fundangaben).

 

Prognose für den Wuchsort 2811/4/10

Die Intensivpflege der Gräber, auf denen  Acker-Gipskraut wächst, bedeutet natürlich, daß es sich möglicherweise nur um einen vorübergehenden Wuchsort handelt. Begünstigt wurden die einzelnen Vorkommen durch die Gießtätigkeit der Angehörigen, die auf allen Gräbern Neuanpflanzungen durch die vorhandene Wetterlage ständig mit Wasser versorgen mußten. Die Art der angepflanzten Kulturpflanzen verhinderte auch eine ständige Bodenbewegung. Das Acker-Gipskraut wurde erst als Unkraut erkannt, wenn es die angepflanzten Blumenteppiche durchbrochen hatte und in Blüte stand. Es war vorhersehbar, daß dieser Bestand in kurzer Zeit wieder verschwunden war. Noch am Tag der Entdeckung wurde ein Grab gereinigt. 2 Tage später wurde ein weiteres Grab gründlich gepflegt. Ich kann nur hoffen, daß sich im Boden noch Saatgut befindet, um erneut auskeimen zu können. Eine Schutzmöglichkeit der Art sehe ich hier nicht.    

 

Danksagung

Mein besonderer Dank gilt Frau Dr. Annemarie Schacherer vom Niedersächsischen Landesamt für Ökologie und Herrn Jürgen Feder aus Bremen. Frau Dr. Schacherer und Herr Feder konnten mir mit den Informationen zur Verbreitung und Vergesellschaftung der Art wertvolle Hilfe geben.

 

Literatur- und Quellenverzeichnis

* Hartmut Bastian (Herausgeber)

* Ullstein Lexikon der Pflanzenwelt

* Verlag Ullstein GmbH, Frankfurt (1973)

 

* S.J. Casper/H.D. Krausch

* Pteridophyta und Anthophyta - 2. Teil

* Gustav Fischer Verlag, Stuttgart (1981)

 

* Jan van Dieken

* Beiträge zur Flora Nordwestdeutschlands unter besonderer Berücksichtigung Ostfrieslands

* Verlag C. L. Mettcker & Söhne, Jever (1970)

 

* Friedrich Ehrendorfer

* Liste der Gefäßpflanzen Mitteleuropas

* Gustav Fischer Verlag, Stuttgart (1973)

 

* Heinz Ellenberg

* Zeigerwerte der Gefäßpflanzen Mitteleuropas

  SCRIPTA GEOBOTANICA IX

* Verlag E. Goltze, Göttingen (1974)

 

* Jürgen Feder

* Ein aktuelles Vorkommen von Acker-Gipskraut (Gypsophila muralis L.) in Ostfriesland

  bei Ihrhove

* Beiträge zur Vogel- und Insektenwelt Ostfrieslands 189:30 (2003)

 

* Jürgen Feder/Burkhard Schäfer

* Flora des Landkreises Wittmund

* Heimatverein "Altes Amt Friedeburg e.V." (2003)

 

* Eckhard Garve

* Atlas der gefährdeten Gefäßpflanzenarten in Niedersachsen und Bremen

  Zwischenauswertung mit Nachweiskarten von 1982 - 1986

*  Niedersächsisches Landesverwaltungsamt -Fachbehörde für Naturschutz- (1987)

 

* Eckhard Garve

* Atlas der gefährdeten Farn- und Blütenpflanzen in Niedersachsen und Bremen

  Kartierung 1982 - 1992

* Naturschutz und Landschaftspflege in Niedersachsen, Heft 30/1-2 (1994)

 

* Eckhard Garve

* Rote Liste und Florenliste der Farn- und Blütenpflanzen in Niedersachsen und Bremen

  5. Fassung, Stand 1.3.2004

* Naturschutz und Landschaftspflege in Niedersachsen, Heft 1/2004

 

* Henning Haeupler/Peter Schönfelder

* Atlas der Farn- und Blütenpflanzen der Bundesrepublik Deutschland

* Eugen Ulmer Verlag, Stuttgart (1988)

 

* Franz Hericks/Jürgen Feder

* Liste der wildwachsenden Pflanzenarten des Oldenburger Münsterlandes und seiner

  Umgebung (Grüne Reihe, Heft 1)

* Heimatbund Oldenburger Münsterland (2003)

 

* W. Meyer/J. v. Dieken

*  Pflanzenbestimmungsbuch für die Landschaften Osnabrück, Oldenburg-Ostfriesland

  und ihre Inseln

* Verlag Friedrich Trüjen, Bremen (1947)

 

 

* Erich Oberdorfer

*  Pflanzensoziologische Exkursionsflora

* Verlag Eugen Ulmer, Stuttgart (1983)

 

* Fritz Runge

* Die Pflanzengesellschaften Mitteleuropas

*  Aschendorffsche Verlagsbuchhandlung, Münster (1986)

 

* B. Schütt (F. Buchenau)

* Flora von Bremen, Oldenburg, Ostfriesland und der ostfriesischen Inseln (1936)

* J. H. Döll Verlag, Bremen (Faksimile-Ausgabe 1986)

 

* Thomas Täubner & Eckhard Garve

* Das Acker-Gipskraut (Gypsophila muralis L.) in Niedersachsen und Bremen: Verbreitung,

  Vergesellschaftung und Gefährdung

* Abh. Naturwissenschaftlicher Verein zu Bremen, Band 44/2-3 (1999)

 

 

 

Anschrift des Verfassers

Franz Hericks

Bibelter Weg 12

26683 Saterland

 

Gypsophila muralis L. (Acker-Gipskraut) in einer Grabanpflanzung auf dem Friedhof in Strücklingen (2004-2811/4/10-a3-Hericks)