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Oldenburgische Volkszeitung
– Oldenburger Münsterland – Dienstag, 30. Mai 2006
Das Exil des Kaisers und die Hand des Riesen
Antwerpen wäre nie so reich geworden, wenn Brabo nicht zugeschlagen hätte. Das Haus Doorn bliebe unerwähnt, wenn Kaiser Wilhelm II. hier nicht an eine Wiederkehr der Monarchie geglaubt hätte. Spannende Erkenntnisse der Studienfahrt des Heimatbundes.

Von Andreas Kathe (Text und Fotos)
Oldenburger
Münsterland - Silvius Brabo hat den Schwung 'raus: Seit Jahrzehnten steht er
vor dem Rathaus der 500 000-Einwohner-Stadt Antwerpen und versucht, die Hand
loszuwerden, die er einem grausamen Riesen abgehackt hat. Das Denkmal des Brabo
beschreibt die sagenhafte Gründungsgeschichte der Stadt. Die soll nur so reich
geworden sein, weil jener Römer Brabo den Riesen besiegte, der die
Scheldemündung vor der Stadt blockierte.
Das
„ant-werpen“ (Handwerfen) stand, wenn man 's denn glaubt, am Anfang jener
Erfolgsgeschichte, die Belgiens zweitgrößte Stadt bis heute zu einem
Schifffahrts-, Handels- und Diamantenzentrum erster Güte werden ließ.
Seeverkehr, Tuchhandel und Geldwirtschaft waren aber schon in Mittelalter und
früher Neuzeit die Motoren des städtischen Wohlstandes.
Davon konnten sich von Donnerstag bis Sonntag 105 Teilnehmer der
Heimatbund-Studienfahrt überzeugen. Sie besuchten mit Antwerpen und Gent zwei
der wichtigsten Städte Flanderns und damit ein frühes Zentrum Europas, das mit
seinem Reichtum und seiner Kultur weit ausstrahlte auch bis in den Nordwesten
Deutschlands.
In Gent, einst ein Vorort der Hanse, lernten die Besucher die mächtige Festung Gravensteen kennen, die im Stile einer Kreuzritterburg mitten hineingesetzt wurde in die pulsierende Tuchmacherstadt. Sie diente nicht nur als Schutzburg sondern war zugleich Machtdemonstration der einflussreichen Grafen von Flandern.
Von deren Reichtum kündet bis heute in der Kathedrale St. Bavo der von den Brüdern Hubert und Jan van Eyck geschaffene „Genter Altar“ aus der Zeit um 1430. Er überstand den Bildersturm des 16. Jahrhunderts ebenso wie die Napoleonischen und die Weltkriege und beeindruckt durch die Farbigkeit und Intensität, mit der schon vor 600 Jahren um das menschliche Seelenheil gerungen wurde.
In
Antwerpen wiederum zieht es den Besucher unwillkürlich und unabänderlich hin zu
den großen Werken der flandrischen Malerei; zu Peter Paul Rubens, dem man
natürlich vor allem im Rubenshaus und in der Liebfrauenkathedrale begegnet, zu
Anthonis van Dyck oder Jacob Jordaens. Die großen Kirchengemälde eines Rubens
überwältigen im wahrsten Wortsinn, denn in barocker Pracht und Eindruckskraft
geben sie dem Betrachter eine intensive Vorstellung christlicher Botschaft und
menschlicher Gefühle.
Edelsteine
haben natürlich auch ihre sinnliche Dimension; sie wurde den Heimatfreunden im
Antwerpener Diamantenmuseum vorgeführt. Eher nüchtern ist die dahinter stehenden
Zahl: Etwa 70 Prozent aller weltweit verkauften Diamanten stammen vom
Handelsplatz Antwerpen. Und wer den Hauptbahnhof umkreist, findet Juwelier neben
Juwelier, edelste Ware und heftigste Rabattschlachten um den solventen Kunden.
Viel
nüchterner geht es zu in manch anderen Museen der Stadt - zum Beispiel bei
Plantin-Moretus, einer Buchdruckerei des 16. Jahrhunderts, in der die
Frühgeschichte des Buchdrucks und der Buchgestaltung und viele bibliophile
Kostbarkeiten zu finden sind.
Auf
dem Hin- und Rückweg nach Flandern führte die Studienfahrt zu zwei
niederländischen Schlössern, die enge Verbindungen zur deutschen Geschichte
aufweisen. In Het Loo bei Apeldoorn steht das niederländische Herrscherhaus
Oranien-Nassau im Mittelpunkt und im Haus Doorn verbrachte Kaiser Wilhelm II.
seine letzten 20 Jahre (1920 bis 1941) in der Verbannung.
Die spannende, vom Wetter leider nicht immer begünstigte Fahrt, war erneut
hervorragend vorbereitet worden vom Heimatbundteam um Heinrich Havermann und
Berna Sassen.
Bildunterschriften:
Auf Kaiser Wilhelms Treppenstufen versammelten sich vor dem Haus Doorn bei Utrecht die Mitreisenden der Heimatbundfahrt vor dem Rundgang durch das kleine Schloss und die Parkanlagen.
Über den Köpfen der Besucher und Restaurantgäste hängen die Schinken im alten Fleischhaus der Stadt Gent.
Malerischer Winkel in einer der engen Gassen der Stadt Antwerpen, die noch aus dem 15. Jahrhundert stammen.
Ruhezone für Künstler und Gäste: Pavillon im Garten des Rubenshauses in Antwerpen.
Wasser unter dem Kiel gab es bei der Grachtenfahrt entlang der Sehenswürdigkeiten der Stadt Gent.
Glitzernde Auslagen rund um den Hauptbahnhof: Antwerpen ist die Weltstadt der Diamanten und des Schmucks.
Der „Hand-Werfer“ vor dem Rathaus von Antwerpen nimmt Bezug auf die Gründungssage der Stadt.
Gleich zweimal bestaunen konnten die Reiseteilnehmer den „Genter Altar“ – in Kopie (Foto) und im Original.
Verpflegung aus der Busbordküche: Heimatbundreisende kennen diese Zwischenstopps während der Fahrt.