Presse Artikel
"Oldenburgische Volkzeitung" vom 10. Mai  2005
- Extrablatt -

Alte Zentren, schöne Bauten, verwirrende Vielfalt

 Die Bildungsreise des Heimatbundes nach Deventer, Brüssel und Löwen zeigt das moderne Europa und deckt einen alten Streitfall auf (Von Andreas Kathe Texte und Fotos)

 Oldenburger Münsterland - Löwens Rathaus ist einzigartig. Im 15. Jahrhundert erbaut, sollte es eigentlich das Brüsseler Rathaus kopieren und übertrumpfen. Doch eine durch den sumpfigen Untergrund bedingte Umplanung mitten in der Bauphase führten zu einem Schmuckstück, das aussieht wie ein mittelalterlicher Reliqienschrein. Den direkten Vergleich zwischen Belgiens Hauptstadt Brüssel und der einstigen Metropole Löwen konnten 120 Heimatfreunde ziehen, die auf der Bildungsreise des Heimatbundes für das Oldenburger Münsterland jetzt in vier Tagen diese brabantischen Städte und zudem noch die niederländische Stadt Deventer erkundeten.

„Zentren Europas“, so heißt die Zielrichtung der Mehrtagesfahrten, die der Heimatbund jährlich anbietet. Aus geschichtlichem und aus aktuellem Blickwinkel wurden auch in diesem Jahr wieder höchst interessante Städte angesteuert. Deventer, heute mit knapp 90 000 Einwohnern eine mittlere Industrie- und Handelsstadt, war in Mittelalter und früher Neuzeit ein wichtiger Verkehrsknotenpunkt und ein Zentrum von Kultur und Wissenschaft. Von hier ging eine der größten Erneuerungsbewegungen der Kirche - die „Devotio moderna“ (neue Frömmigkeit) - aus, deren bedeutendsten Vertreter Erasmus von Rotterdam und Nikolaus von Kues ihre Spuren in Deventer hinterlassen haben.

Brüssel, die heimliche Hauptstadt der Europäischen Union, fasziniert allein schon durch seine großartige Lage, durch seine verwinkelten Stadtstrukturen und durch das direkte Nebeneinander modernster Bauarchitektur und alter, oft stark renovierungsbedürftiger Bausubstanz. Eine Stadt von verwirrender Vielfalt - wie die EU selbst, die von hier gesteuert wird. Und sie ist genauso international: Fast 40 Prozent der rund eine Million Einwohner sind Ausländer.

Dazu gehören auch Niedersachsen. In der Rue Montoyer, unweit des Europäischen Parlamentes, hat die Vertretung unseres Bundeslandes bei der EU ihren Sitz. 20 Mitarbeiter kümmern sich darum, dass Informationen von Brüssel nach Hannover gelangen und Niedersachsens Stimme in Parlament und Kommission gehört wird.

Das zumindest ist das Ziel der Einrichtung, die es seit 1991 gibt und die seit 2002 in einem für fast zehn Millionen Euro gekauften und umgebauten Gebäude residiert. In Vorträgen sollte den Heimatfreunden die tiefere Bedeutung der Landesvertretung in Brüssel näher gebracht werden. Ein zweifelhaftes Unterfangen, denn nicht wenige Zuhörer verließen kopfschüttelnd die Szene: Viel Steuergeld wird ausgegeben für eine Behörde, deren Sinnhaftigkeit letztlich nicht klar zu Tage trat. Immerhin: Ein dickes Dankeschön an die Vertretung gab es von Heimatbundpräsidentin Hildegard Kronlage und Geschäftsführer Heinrich Havermann für die gelungene Hilfestellung bei der Vorbereitung der Bildungsreise.

Brüssel hat - wie gesagt - verschiedene Gesichter. Dazu gehört als „gute Stube“ der „Grand Place“ oder „Grote Markt“. Prächtige Bauten mit dem Rathaus als besonderem Schmuckstück umsäumen diesen Mittelpunkt der Altstadt. Er ist zugleich das touristische Zentrum, auf das sich alle engen Nebengassen vorbei an Sehenswürdigkeiten wie dem „Manneken Pis“ oder der angeblich Glück bringenden Relieftafel des sterbenden Everaerd `t Serclaes zubewegen.

Nebengassen, die auch zum „Plötzlichen Tod“ führen. Im „À la Mort Subite“ verkehrten einst Größen wie der Chansonsänger Jacques Brel und genossen das säuerlichste Bier der Welt - eben den „plötzlichen Tod“. Der blieb den Heimatfreunden erspart, auch wenn so mancher diese Brüsseler Spezialität probierte.

Die Altstadt unten - das königliche und das Europa-Brüssel auf den Hügeln in der Oberstadt. So hat man sich ganz plastisch die Aufteilung vorzustellen. Pompöse historische Bauten wie der Justizpalast, der Königspalast, die Kunstmuseen oder das belgische Parlament finden sich hier. Unweit davon haben Europaparlament, Ministerrat und Europäische Kommission sich in grandiosen Glasgiganten moderne Schlösser geschaffen - sündhaft teure Paläste der Demokratie und der Bürokratie in einer städtebaulichen Umgebung aus dem 19. Jahrhundert, die einen scharfen Kontrast dazu bildet.

Wie Brüssel, so facettenreich und vielfältig zeigt sich auch die Nachbarstadt Löwen mit ihren heute rund 90 000 Einwohnern. Bis zum 13. Jahrhundert war sie die Hauptstadt Brabants, um die Funktion dann an Brüssel zur verlieren. Und doch entstanden in der reichen Kaufmanns- und Universitätsstadt großartige Bauwerke wie Rathaus, die bis heute nicht zu Ende gebaute Peterskirche, das große Beginenhofgelände oder die Bibliothek der Universität.

Löwen - niederländisch - oder Leuven - französisch - wurde aber auch zum Zentrum des belgischen Sprachenstreit zwischen Wallonen und Flamen in den 60er Jahren des letzten Jahrhunderts. Für uns heute kaum nachvollziehbar ist, wie heftig dieser Streit geführt wurde, der schließlich sogar zu einer Teilung der Universität und zur Gründung von Neu-Löwen - einer neuen Universität und Stadt - führte.

Der Dank der Teilnehmer für die gelungene und sehr gut vorbereitete Bildungsfahrt konnten neben den Eheleuten Havermann auch Berna Sassen, Irmgard Krapp, Benno Dräger und Heinrich Hachmöller entgegennehmen.

 

 

Bildunterschriften:

Filigranes Kunstwerk mit heimatlichem Vordergrund: Das Rathaus der Stadt Löwen/Leuven in Belgien als passende Kulisse für eine Aufnahme aller Fahrtteilnehmer aus dem Oldenburger Münsterland.

Mittagessen in freier Natur – typisches Bild der Heimatbund-Studienfahrt, hier bei Deventer.

Für das Leben lernen: Das alte Gymnasium in Deventer hatte europaweite Bedeutung.

Karikaturen des Osnabrückers Fritz Wolf (1918-2001) sind in der Brüsseler Niedersachsen-Vertretung ausgestellt.

Leckereien, Musik und mehr in den kleinen Gassen im „Bauch von Brüssel“.

Schnappschuss für den fernen Osten: Das 102 Meter hohe Atomium wird derzeit grundlegend saniert.

Eingetrichtert: Frei nach dem Nürnberger Vorbild zeigt sich in Löwen der „Brunnen der Weisheit“.

Den 1568 hingerichteten Grafen Egmont und Hoorn ist in Brüssel ein kleiner, schön angelegter Parkt gewidmet. Die Heimatfreunde bewunderten Skulpturen und Gartenanlage.

Neu gekleidet: Brüssels „Manneken Pis“ im Regenmantel.

Giebelparade auf dem Marktplatz von Löwen. Viele Gebäude werden hier von der bedeutenden Universität genutzt.



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