Presse
Artikel
Alte Zentren, schöne Bauten, verwirrende Vielfalt
Die
Bildungsreise des Heimatbundes nach Deventer, Brüssel und Löwen zeigt das
moderne Europa und deckt einen alten Streitfall auf (Von Andreas Kathe
Texte und Fotos)
Oldenburger Münsterland - Löwens Rathaus ist einzigartig. Im 15. Jahrhundert erbaut, sollte es eigentlich das Brüsseler Rathaus kopieren und übertrumpfen. Doch eine durch den sumpfigen Untergrund bedingte Umplanung mitten in der Bauphase führten zu einem Schmuckstück, das aussieht wie ein mittelalterlicher Reliqienschrein. Den direkten Vergleich zwischen Belgiens Hauptstadt Brüssel und der einstigen Metropole Löwen konnten 120 Heimatfreunde ziehen, die auf der Bildungsreise des Heimatbundes für das Oldenburger Münsterland jetzt in vier Tagen diese brabantischen Städte und zudem noch die niederländische Stadt Deventer erkundeten.
„Zentren Europas“, so heißt die Zielrichtung der Mehrtagesfahrten, die der
Heimatbund jährlich anbietet. Aus geschichtlichem und aus aktuellem Blickwinkel
wurden auch in diesem Jahr wieder höchst interessante Städte angesteuert.
Deventer, heute mit knapp 90 000 Einwohnern eine mittlere Industrie- und
Handelsstadt, war in Mittelalter und früher Neuzeit ein wichtiger
Verkehrsknotenpunkt und ein Zentrum von Kultur und Wissenschaft. Von hier ging
eine der größten Erneuerungsbewegungen der Kirche - die „Devotio moderna“ (neue
Frömmigkeit) - aus, deren bedeutendsten Vertreter Erasmus von Rotterdam und
Nikolaus von Kues ihre Spuren in Deventer hinterlassen haben.
Brüssel,
die heimliche Hauptstadt der Europäischen Union, fasziniert allein schon durch
seine großartige Lage, durch seine verwinkelten Stadtstrukturen und durch das
direkte Nebeneinander modernster Bauarchitektur und alter, oft stark
renovierungsbedürftiger Bausubstanz. Eine Stadt von verwirrender Vielfalt - wie
die EU selbst, die von hier gesteuert wird. Und sie ist genauso international:
Fast 40 Prozent der rund eine Million Einwohner sind Ausländer.
Dazu
gehören auch Niedersachsen. In der Rue Montoyer, unweit des Europäischen
Parlamentes, hat die Vertretung unseres Bundeslandes bei der EU ihren Sitz. 20
Mitarbeiter kümmern sich darum, dass Informationen von Brüssel nach Hannover
gelangen und Niedersachsens Stimme in Parlament und Kommission gehört wird.
Das zumindest ist das Ziel der Einrichtung, die es seit 1991 gibt und die seit
2002 in einem für fast zehn Millionen Euro gekauften und umgebauten Gebäude
residiert. In Vorträgen sollte den Heimatfreunden die tiefere Bedeutung der
Landesvertretung in Brüssel näher gebracht werden. Ein zweifelhaftes
Unterfangen, denn nicht wenige Zuhörer verließen kopfschüttelnd die Szene: Viel
Steuergeld wird ausgegeben für eine Behörde, deren Sinnhaftigkeit letztlich
nicht klar zu Tage trat. Immerhin: Ein dickes Dankeschön an die Vertretung gab
es von Heimatbundpräsidentin Hildegard Kronlage und Geschäftsführer Heinrich
Havermann für die gelungene Hilfestellung bei der Vorbereitung der
Bildungsreise.
Brüssel hat - wie gesagt - verschiedene Gesichter. Dazu gehört als „gute Stube“
der „Grand Place“ oder „Grote Markt“. Prächtige Bauten mit dem Rathaus als
besonderem Schmuckstück umsäumen diesen Mittelpunkt der Altstadt. Er ist
zugleich das touristische Zentrum, auf das sich alle engen Nebengassen vorbei an
Sehenswürdigkeiten wie dem „Manneken Pis“ oder der angeblich Glück bringenden
Relieftafel des sterbenden Everaerd `t Serclaes zubewegen.
Nebengassen, die auch zum „Plötzlichen Tod“ führen. Im „À la Mort Subite“
verkehrten einst Größen wie der Chansonsänger Jacques Brel und genossen das
säuerlichste Bier der Welt - eben den „plötzlichen Tod“. Der blieb den
Heimatfreunden erspart, auch wenn so mancher diese Brüsseler Spezialität
probierte.
Die Altstadt unten - das königliche und das Europa-Brüssel auf den Hügeln in der
Oberstadt. So hat man sich ganz plastisch die Aufteilung vorzustellen. Pompöse
historische Bauten wie der Justizpalast, der Königspalast, die Kunstmuseen oder
das belgische Parlament finden sich hier. Unweit davon haben Europaparlament,
Ministerrat und Europäische Kommission sich in grandiosen Glasgiganten moderne
Schlösser geschaffen - sündhaft teure Paläste der Demokratie und der Bürokratie
in einer städtebaulichen Umgebung aus dem 19. Jahrhundert, die einen scharfen
Kontrast dazu bildet.
Wie Brüssel, so facettenreich und vielfältig zeigt sich auch die Nachbarstadt
Löwen mit ihren heute rund 90 000 Einwohnern. Bis zum 13. Jahrhundert war sie
die Hauptstadt Brabants, um die Funktion dann an Brüssel zur verlieren. Und doch
entstanden in der reichen Kaufmanns- und Universitätsstadt großartige Bauwerke
wie Rathaus, die bis heute nicht zu Ende gebaute Peterskirche, das große
Beginenhofgelände oder die Bibliothek der Universität.
Löwen - niederländisch - oder Leuven - französisch - wurde aber auch zum Zentrum
des belgischen Sprachenstreit zwischen Wallonen und Flamen in den 60er Jahren
des letzten Jahrhunderts. Für uns heute kaum nachvollziehbar ist, wie heftig
dieser Streit geführt wurde, der schließlich sogar zu einer Teilung der
Universität und zur Gründung von Neu-Löwen - einer neuen Universität und Stadt -
führte.
Der Dank der Teilnehmer für die gelungene und sehr gut vorbereitete Bildungsfahrt konnten neben den Eheleuten Havermann auch Berna Sassen, Irmgard Krapp, Benno Dräger und Heinrich Hachmöller entgegennehmen.
Bildunterschriften:
Filigranes Kunstwerk mit heimatlichem Vordergrund: Das Rathaus der Stadt Löwen/Leuven in Belgien als passende Kulisse für eine Aufnahme aller Fahrtteilnehmer aus dem Oldenburger Münsterland.
Mittagessen in freier Natur – typisches Bild der Heimatbund-Studienfahrt, hier bei Deventer.
Für das Leben lernen: Das alte Gymnasium in Deventer hatte europaweite Bedeutung.
Karikaturen des Osnabrückers Fritz Wolf (1918-2001) sind in der Brüsseler Niedersachsen-Vertretung ausgestellt.
Leckereien, Musik und mehr in den kleinen Gassen im „Bauch von Brüssel“.
Schnappschuss für den fernen Osten: Das 102 Meter hohe Atomium wird derzeit grundlegend saniert.
Eingetrichtert: Frei nach dem Nürnberger Vorbild zeigt sich in Löwen der „Brunnen der Weisheit“.
Dominierender Bau auf dem „Groten Markt“ in Brüssel ist das Rathaus. Im Rahmen der Stadtführung lernten die Heimatfreunde viele weitere schöne Ecken der Stadt kennen.
Neu gekleidet: Brüssels „Manneken Pis“ im Regenmantel.
Giebelparade auf dem Marktplatz von Löwen. Viele Gebäude werden hier von der bedeutenden Universität genutzt.