Pressebericht: MT am 07.11.2005
Feste Werte und Rückgrat aus der Heimat
Münsterlandtag 2005: Redner sehen in der Region eine Quelle von Kraft und Orientierung
Von Hubert Kreke
Molbergen Die Heimat als Quelle fester Werte und zukunftssicherer Orientierung hat der Münsterlandtag 2005 des Heimatbundes am Wochenende in Molbergen beschworen. Während der festlichen Kundgebung zogen Vertreter der Region vor fast 500 Zuhörern aus dem Oldenburger Münsterland eine direkte Linie zwischen der Prägung der Menschen durch die Heimat und ihrer Fähigkeit, „zwischen Gut und Böse“ zu unterscheiden, wie Hildegard Kronlage, die Präsidentin des Heimatbundes, formulierte.
Als
leuchtendes Beispiel solcher
wertestiftenden Verwurzelung
schilderte Pro£ Joachim Kuropka
von der Hochschule Vechta
den
ersten Seligen des Oldenburger
Landes,
Kardinal Clemens
August
Graf von Galen. „Er ist ein Kind
dieses Landes, er
ist einer
von
uns“, unterstrich
der Historiker
während seiner Festansprache
in
der Halle am Dweracker. Der
durch seinen Protest gegen die
Euthanasie und den Allmachtsanspruch der
NS-Ideologie bekannt gewordene
Bischof von Münster habe sich immer
wieder in tieferDankbarkeit auf die
Menschen seiner „so paradiesähnlichen
Heimat“ als Vorbilder in Glaube und
Frömmigkeit berufen. Die Heimat
habe dem Bischof die Fähigkeit
mitgegeben, „ein diszipliniertes
Leben zu führen, den Wunsch, das
Leben für eine
große Sache einzusetzen, für seine
Mitmenschen uneigennützig zu wirken“, aber auch „fest verankerte Grundsätze des
Glaubens“, sagte Kuropka (siehe Extra-Text auf dieser Seite).
Auf das Vorbild von Galens berief sich sogar einer der Gastgeber des Münsterlandtages. Bürgermeister Ludger Möller forderte angesichts eines Werteverlustes in der Gesellschaft: „Wir brauchen dringender denn je Menschen mit festen Werten, Rückgrat, Idealismus und Zivilcourage. Wir brauchen mehr von Galens.“ Zugleich forderte er das Engagement jedes Einzelnen in der Region für die Region. „Stehen wir zu uns selbst und glauben an uns. Indem wir sagen, was wir denken, zeigen wir, was wir können“, sagte der Bürgermeister: Wir haben das Potenzial nicht nur für heute, sondern auch für morgen.“
Dieses Selbstbewusstsein unterstrich Landrat Hans Eveslage. „Der Landkreis und das Oldenburger Münsterland werden sich weiter positiv entwickeln, wenn sich die Menschen mit ihrer Heimat identifizieren, mit unserer lebendigen Tradition“, meinte er. Das kulturelle, soziale und wirtschaftliche Engagement der Menschen in ihren Dörfern und Bauerschaften, in ihren Nachbarschaften und Vereinen sei „die große Kraftquelle“, aus der die Entwicklung des Oldenburger Münsterlandes „immer wieder neue Energie schöpfen kann“.
Von der Politik forderte Hildegard Kronlage mit von Galens Worten „Grundsätze, die nicht jeden Tag mit der augenblicklich populären Tagesmeinung wechseln“. Sie zitierte den ehemaligen Ministerpräsidenten von Baden-Württemberg, Erwin Teufel: „Ich bin einfacher Leute Kind. Aber wir haben Liebe erfahren und Geborgenheit und Urvertrauen…. Einfache Leute kennen kaum Wertpapiere, aber Werte. Sie können sie nicht definieren, aber sie leben sie vor und geben sie weiter an die nächste Generation ... sie sind gebildeter und gefestigter als mancher Intellektuelle es ist.“
Derart gestärkt schwärmte das Publikum aus, um auf Busrundfahrten durch die Gemeinde die Entwicklung Molbergens kennen zulernen. Die Gemeinde bot am Nachmittag ein großes Kulturprogramm auf, das von Schulen, Vereinen und Gruppen des Ortes mit Musik, Gesang und Sketchen gestaltet wurde.
(Siehe Extrabericht weiter unten)
Foto: Kreke
Buchübergabe zum Münsterlandtag: Das neue Jahrbuch des Heimatbundes überreichten Präsidentin Hildegard Kronlage und Geschäftsführer Heinrich Havermann an Bürgermeister Möller (rechts) und Prof. Joachim Kuropka, den Festredner.
Aufrecht gegen Staatsallmacht
Kuropka schildert von Galen als Verteidiger von Freiheitsrechten
Molbergen (kre) - Der Widerstand des selig gesprochenen Kardinals von Galen gegen nationalsozialistische Gewalt ist nach Ansicht des Historikers- Prof. Joachim Kuropka aus der Überzeugung unverbrüchlicher Freiheitsrechte des Individuums gewachsen. Die von Gott gegebenen Menschenrechte habe der Bischof von Münster verteidigen wollen, nicht allein die Institutionen der Kirche, unterstrich der Vechtaer Wissenschaftler auf dem Münsterlandtag in Molbergen.
Von
Galen, der aus einem stark katholisch und politisch geprägten Elternhaus stammt,
habe sich aus Sorge um die Rolle des Menschen gegen die „Idee vom Staatsgott,
vom unbeschränkt mächtigen, niemand verpflichte ten Staat“, so von Galen im Jahr
1919, gewandt. Denn nach seiner Überzeugung konnte sich ein befriedetes
Gemeinschaftsleben nur aus der Freiheit der Einzelpersönlichkeit entwickeln.
Manchem seiner Mitbrüder schien die Konsequenz dieser Haltung zu politisch. Ihnen hielt von Galen 1926 entgegen: „Ich kann nicht aus der Politik bleiben, doch nur in dem Sinn, dass ich auch politische Fragen für wichtig genug halte, sie im Lichte ewiger Wahrheiten zu betrachten und versuche, mir in diesem Licht ein von Menschengunst und Menschenlob unabhängiges Urteil zu bilden.“
Hunderte von Beschwerden und Protesten gegen Maßnahmen des NS-Regimes enthalten seine Hirtenbriefe und Predigten. Die noch nicht einmal halbwegs vollständige Edition seiner Texte listet diese Proteste auf 1476 Seiten auf, berichtete Kuropka. Sein entschiedener und schonungsloser Schritt, die Ermordung psychisch Kranker öffentlich anzuprangern, „war mehr als eine symbolische Geste der Solidarität mit den Schwächsten unserer Gesellschaft“, urteilt der evangelische Kirchenhistoriker Kurt Nowak in seiner „Geschichte des Christentums in Deutschland“. Nowak schriebt: „Es war der von den Christen geforderte Fundamentalprotest gegen die Entwertung des Menschen.“
Mit dem Tabubruch der öffentlichen Anklage unter der Drohung der Gewaltherrschaft habe von Galen zugleich eine „Legitimationskrise“ der Nationalsozialisten ausgelöst, glaubt Kuropka. Zweifel an der ethischen Grundlage des Regimes reichten bis in den Militärapparat hinein und zogen Kreise. Seine Predigten wurden schon 1937 abgeschrieben und weitergegeben - sogar in evangelischen Haushalten. Gedruckt werden durften sie nicht. Seine Grundsätze hatte von Galen lange vor dieser Herausforderung gefestigt. Wenn er sich den Himmel vorstelle, denke er an eine Steigerung des Begriffs „Elternhaus“, schrieb von Galen. 1891 gab ihm seine Mutter in einem Brief ihre persönliche Lebenseinstellung mit auf den Weg: „Das Leben ist so kurz, und eine so herrliche Ewigkeit sollen wir damit erkaufen; da darf kein Tag verloren werden, um uns dieses Zieles zu versichern und für Gott etwas zu leisten, sei es in welcher Stellung es sei.“
Für eine Trennung zwischen kirchlichem und weltlichem Tun sei kein Platz, hat von Galens Beispiel nach Ansicht von Kuropka gelehrt. Der Historiker empfahl ein Zitat aus der Predigt des Kardinals vom 17. Februar 1946: „Das Gute und das Böse ringen heute gigantisch miteinander. Wir können stolz darauf sein, in diesem Kampf mitzukämpfen. Niemand hat das Recht, dabei lau zu sein.“
Foto: Kreke
Der „Löwe von Münster“: Clemens August Graf von Galen.
Landrat: „Molbergen ist das Zugpferd“
Stärkster Bevölkerungszuwachs landesweit – Eveslage dankt Zuwanderern ausdrücklich für ihren Beitrag
Von Hubert Kreke
Molbergen
– Die Verbeugung des Landrates vor den Leistungen Molbergens hätte kaum tiefer
ausfallen können: Lauter Superlative listete Hans Eveslage auf dem
Münsterlandtag am Samstag auf. Aber alle treffen zu: Die bundesweit jüngste
Gemeinde hat das stärkste Bevölkerungswachstum ganz Niedersachsens.
Dennoch (oder gerade deshalb) ist den Molbergern das Kunststück gelungen, sich unter die letzten drei schuldenfreien Gemeinden des Landes zu schieben. Der Glaube an die kostensparende Effizienz großer Einheiten – die kleine, aber wachsende Gemeinde hat ihn widerlegt.
Die
Einwohnerzahl ist in den vergangenen 18 Jahren um 68 Prozent auf 7900 gestiegen.
Über 43 Prozent der Menschen sei jünger als 30 Jahre, fügte Bürgermeister Ludger
Möller an. Molbergen sei damit „das Zugpferd der Bevölkerungsentwicklung im
gesamten Oldenburger Münsterland“, unterstrich Eveslage.
Eine Ursache: Die hohe Geburtenrate. Die andere: Der starke Zuzug von Spätaussiedlern aus Russland und Kasachstan. Für ihren „erheblichen Beitrag“ zum wirtschaftlichen Wachstum der Region dankte ihnen Eveslage ausdrücklich.
Das
wahrscheinlich dickste Geschenk zum Münsterlandtag machte Paul Spille der
Gemeinde. Seine fast 1000 Seiten starke Molberger Chronik überreichte die
Vorsitzende des Heimatvereins, Maria Niebuhr, an ausgewählte Gäste, darunter den
ehemaligen Bundestagsabgeordneten Manfred Carstens. Dem gebürtigen Molberger
gebühre für seine 40-jährige politische Arbeit das höchste Lob, betonte
Bürgermeister Möller unter dem Applaus des Publikums.
Bilder Kreke:
1. Bunte Begrüßung in den Oldenburger Farben: Kinder aus der Tanzgruppe von Ingrid Burke winkten den Zuschauern zu.
2. Die Chronik ist da: Bürgermeister Möller zeigt das Werk. Rechts Maria Niebuhr vom Heimatverein
3. Musikalischer Einmarsch der Seeleute: Der Shanty-Chor „Binnenschipper“ entert die Halle in Molbergen