„Platt schadet doch den Kindern nicht“
Siefer, Lesle und der Heimatbund fordern mehr Engagement für das Niederdeutsche
Texte und Fotos von Andreas Kathe
Holdorf
– „Bleiben wir unseren Eigenarten treu und pflegen wir neben unserer
plattdeutschen Sprache weiterhin die Solidarität in der Familie, in
Nachbarschafts- und Freundesnetzen, in den Gemeinden und Betrieben“.
Mit diesem Aufruf an alle Oldenburger Münsterländer fasste Heimatbundpräsidentin
Hildegard Kronlage auf dem Münsterlandtag in Holdorf am Samstag ganz kurz was
zusammen, was in den Grußworten und Festansprachen zuvor im Mittelpunkt
gestanden hatte.
Die
besonderen Wertvorstellungen unserer Region und auch der Erhalt des
Plattdeutschen seien zu wertvoll, als dass sie einem vermeintlichen „Berliner
Fortschritt“ geopfert werden sollten. Bedeutung und Eigenart des Niederdeutschen
standen auf der von rund 350 Gästen besuchten Kundgebung in der
Handorf-Langenberger Sporthalle im Zentrum; und „Platt“ wurde dabei auch in den
Vorträgen viel „geschnackt“.
Dr.
Ulf-Thomas Lesle vom Institut für niederdeutsche Sprache in Bremen verdeutlichte
die Herkunft des „Plattdeutschen“ als eigenständige Sprache, die erst seit dem
16. Jahrhundert vom Hochdeutschen überlagert worden sei.
Während sich das Niederdeutsche als Volkssprache erhielt, wurde schon damals
Hochdeutsch zur Schrift- und Amtssprache. Heute stehe man vor dem Problem, dass
sich der Wortschatz des Niederdeutschen modernen Gegebenheiten nicht angepasst
habe. „Andererseits aber ist dem Plattdeutschen als Sprache der Heimat immer
größere Bedeutung zugewachsen.“
Lesle forderte Politik und Allgemeinheit auf, sich mehr zu engagieren. Platt
müsse Einzug halten in Kindergärten, Bildungsinstitutionen und Amtsstuben, um
auf Dauer erhalten zu bleiben.
Heinrich
Siefer, Plattdeutsch-Experte vom Kardinal-von-Galen-Haus in Stapelfeld, verwies
auf die vielen Literaten, Schreiber und Gruppen, die sich im Oldenburger
Münsterland der plattdeutschen Sprache widmen.
Sie alle müssten mehr zusammenarbeiten, um wieder Kinder und junge Eltern an die
Sprache heranzuführen. Man müsse deutlich machen, dass „Platt“ als weitere
Sprache den Kindern nicht schade: „Kinder, die gleich mit zwei Sprachen
aufwachsen, haben es in der Regel viel leichter, weitere Fremdsprachen zu
erlernen.“ Siefer zitierte Cloppenburgs Landrat Hans Eveslage, der kürzlich auf
dem Sprachentag in Cloppenburg die Wichtigkeit des Plattdeutschen betont hatte:
„Eines muss uns klar sein: Mit dem Verlust der plattdeutschen Sprache schwindet
auch ein unsere Region maßgeblich prägendes Kulturgut.“
Heimatbundpräsidentin Hildegard Kronlage forderte alle Heimatfreunde auf, ihre
Sprache im Alltagsleben auch anzuwenden: „Nur so kann sie erhalten bleiben.“
Zuvor hatte sie sich in ihrer Einführungsansprache stark gemacht für die
Restaurierung der Johanniterkapelle Bokelesch; sie sei ein historisches Kleinod
des Oldenburger Münsterlandes.
„Wi aale schnackt platt“
500 Gäste sangen und schunkelten beim Kulturnachmittag
Holdorf - Am Schluss des Münsterlandtages hielt ein sichtlich zufriedener
Vizepräsident Hartmut Frerichs einen großen Blumenkorb in den Händen: Er dankte
damit Maria Haverkamp für ihre exzellente Moderation des Kulturnachmittags und
stellte heraus, dass die gut 500 Gäste wunderschöne Darbietungen erlebt hätten
und Holdorf insgesamt stolz sein könne auf die sehr gut organisierte und
gelungene Veranstaltung.
In der Tat hatten sich die teilnehmenden Vereine, Schülerinnen und Schüler, die
Sportler, Zimmerleute, Chöre und Musikanten vieles einfallen lassen, um vor
allem der plattdeutschen Sprache zur Geltung zu verhelfen, die Zuschauer in das
Geschehen mit einzubinden und ihnen einen anregenden Nachmittag zu bieten.
Kinder aus Handorf-Langenberg und Holdorf sangen und erzählten Geschichten auf
Platt - eine Sprache, die einige von ihnen erst seit einigen Wochen in der
Schule erlernen. Monika Thyen brachte gekonnt mit einem launigen Vortrag
Erlebnisse ihres Großvaters aus dem Jahr 1875 zu Gehör. als das Oldenburger
Infanterieregiment 91 unter Oberst von Hindenburg in Harpendorf und Handorf ein
Manöver abhielt.
Und der gebürtige Holdorfer Georg Türke (heute Diepholz) erheiterte die
Oldenburger Münsterländer mit seinen Witzen, Dönkes und Mitmachspielen. Viel
singen und mitschunkeln durften die Gäste ohnehin - vom Bergmannslied über
verschiedene plattdeutsche Lieder („Kumm eis in“, „Wi aale schnackt tauhoope
platt“) bis hin zum Oldenburger Lied am Schluss des Münsterlandtages. Sie waren
alle mit Begeisterung dabei.
AM RANDE NOTIERT
Sinnvolle Tradition
Mit einem herzlichen „Moin“ – „auch auf die Gefahr hin, dass ich es nicht richtig ausspreche“, begrüßte Holdorfs neuer hauptamtlicher Bürgermeister und gebürtige Franke Dr. Wolfgang Krug die Gäste des Münsterlandtages. Erfrischend locker und kurz stellte er die sympathische Gemeinde mit ihren heute rund 6500 Einwohnern vor und lobte den Heimatbund und den Münsterlandtag mit einem abgewandelten Zitat aus dem Musical „Anatevka“: „Eine gute und sinnvolle Tradition ist, wenn man etwas macht und sogar noch weiß, warum!“
Finanzen gesichert
Vechtas Landrat Albert Focke grüßte auch im Namen seines gleichfalls anwesenden Kollegen Hans Eveslage aus Cloppenburg die Gäste und versicherte, dass auch für das kommende Jahr die Zuschüsse der Landkreise für den Heimatbund gesichert seien. Plattdeutsch, so Focke, werde auch weiterhin von vielen Mitarbeitern in den Verwaltungen gesprochen; das solle auch so bleiben.
Dank an die Helfer
Unermüdlich im Einsatz waren rund um den Münsterlandtag viele ehrenamtliche Helfer - Landfrauen, Heimatvereinsmitglieder, Verwaltungsmitarbeiter, der Sportverein Handorf-Langenberg - sie alle sorgten für den reibungslosen Ablauf des schönen Festes. Besonderen Dank für ihr Engagement erhielten Josef Kampers und Günther Böckmann.
Viele Informationen
Mit ihren interessanten Ständen informierten am Rande in der Sporthalle die Tourist-Information aus dem Südkreis Vechta, der Heimatbund, der Kreis Vechta und der Heimatverein Holdorf die Gäste. Es gab Bücher, Ess- und Trinkbares und natürlich viel Gelegenheit zum persönlichen Gespräch.
Bild 1
Schmuck gekleidet: Im
Bergmanns-Sonntagsstaat traten zum „Bergmannslied“ drei Handorf-Langenberger
auf. Auf dem kleinen Foto animiert Georg Türke (rechts) die Gäste mit mehreren
Einlagen zum Mitmachen.
Bild 2
Buchpräsente als Dankeschön:
Heimatbundpräsidentin Hildegard Kronlage (links) ehrte damit die
Plattdeutsch-Experten Bernd Grieshop und den verstorbenen Werner Kuper; für ihn
nahm Ehefrau Irmgard das Präsent in Empfang.
Bild 3
Heinrich Siefer
Bild 4
Ulf-Thomas Lesle